750 Jahre Baar
von Barre zur Gemeinde Baar

Von Pfarrer i.R. Aloys Richter

Kurzfassung
Hier handelt es sich um die Kurzfassung eines längeren Artikels, der demnächst veröffentlicht werden soll. Daher wird auf die Angabe von Quellen verzichtet.

Heute erlebt das Wandern einen großen Aufschwung, überall werden Wanderwege angelegt, nicht nur in unserer engeren Heimat. So gibt es einen Wandersteig zum Calmont bei Bremm an der Mosel, wo der steilste Weinberg der Welt sein soll. Von oben hat man einen wunderbaren Blick auf die Mosel und die malerische Ruine der Klosterkirche von Stuben, die dicht an der Mosel liegt. Ich weiß nicht, ob jemand aus der Gemeinde Baar jeweils auf dem Calmont war, sicher sind aber schon viele hier unten an der Mosel an der Klosterruine vorbeigefahren, und keiner wusste um den Zusammenhang zwischen Baar und dem ehemaligen Kloster Stuben. Erst vor wenigen Jahren wurde es dem Heimatforscher bekannt.

Die Urkunde
Das große Archiv der Grafen, heute Fürsten von Wertheim, ging vor einiger Zeit in den Besitz des staatlichen Archivs Wertheim über. Jetzt wurde das Archiv neu geordnet und der Öffentlichkeit besser zugänglich gemacht. Die Archivare gaben auch Regesten, Kurzauszüge der alten lateinischen Urkunden heraus, und hier fand ich folgende Angabe:

1259 März 12
(1258 in festo beati Gregorii)
Swewardus, Prior, Irmgard (Irmegardis) Meisterin (magistra) und Konvent des Hl. Nikolaus in Stuben (stupa) verkaufen an den edlen Graf von Virneburg (nobili viro comiti de Virneburg) ihre Güter gelegen in Barre gegen 5 Mark Kölnischer Währung.

Natürlich hätte ich auch gerne das Original der Urkunde eingesehen und ich erhielt hierauf vom Wertheimer Archiv folgende Ablichtung:



Diese Art lateinischer Buchstaben können natürlich nur Fachleute lesen, eine Archivarin Frau Dr. Knichel, hat sie auf meinen Wunsch in die allgemein übliche lateinische Schrift übertragen. So heißt es:

1) Notum esse volumus tam posteris quam presentibus presentem scedulam inspecturis, quod nos Sevvardus
2) prior, Irmengardis magistra totusque conventus sanctimonialium sancti Nickolai in Stupa nobili
3) viro comiti de Virneburg unanimi assensu absque contradiction nostri bona nostra sita in Barre, quidquid
4) ecclesiam attingebat, vendidimus pro quinque marcis Coloniensibus eo iure, quo nos utebamur, ab eo perpetuo possidenda.
5) Ut autem hec rata maneant et ne quid erroris super hiis (!) eveniat presentem scedulam memorato
6) domino comiti tradidimus sigilli nostri munimine roboratam. Actum et datum assensio Domini M 7) CCLVIII in festo beati Gregorii.

Die Übersetzer der Urkunde geben im Register unter dem Stichwort Barre nur an “Besitz des Klosters Stuben“. Wir können aber Barre mit dem heutigen Baar identifizieren, wie es auch Iwansky in seiner Geschichte der Grafen von Virneburg tut.
Die Zeitangaben schwanken je nach Gegend. Im Kurfürstentum Trier begann damals das Jahr mit dem 25. März (Mariä Verkündigung). Das Siegel der Urkunde kam im Laufe der Jahre abhanden.
Die Angaben der Urkunde sind nur dürftig, wie auch unser Wissen um die frühere Geschichte der Grafen von Virneburg. Wir müssen versuchen, das das hagere Gerippe etwas mit Fleisch zu füllen.

Das ehemalige Augustinerkloster Stuben
Abbildung: Klosterruine Stuben
Zu Beginn des 12. Jahrhunderts entstanden neue religiöse Bewegungen, darunter auch das Reformkloster Springiersbach bei Wittlich mit zahlreichen Tochterklöstern. Von Springiersbach wurde auch einige Jahre vor 1137 das Frauenkloster Stuben gegründet wie auch die früheren Klöster Maria Martental und Marienthal bei Ahrweiler. An der Spitze des Klosters stand die magistra, die Meisterin, heute würden wir sie Äbtissin nennen. Dazu kam als Vertreter des Abtes von Springiersbach ein Mönch, der Prior, der als Seelsorger und Verwalter der Güter wirkte. So werden bei dem Verkauf der Güter der Prior Swewardus und die Meisterin (Äbtissin) Irmgard genannt. Diese Irmgard ist eine Schwester des Ritters Heinrich von Ulmen, der von einem Kreuzzug eine ganz kostbare Kreuzreliquie mitbrachte und sie dem Kloster schenkte, damit für das Seelenheil der Familie gebetet würde. Diese Kreuzreliquie, Staurothek genannt, wird heute im Limburger Domschatz aufbewahrt.
Kirchen und Klöster erhielten damals zahlreiche fromme Stiftungen. Es gibt eine Urkunde, dass Kirche und Besitz von Düngenheim dem Kloster Stuben geschenkt wurde. So war ja auch Herresbach zuerst im Besitz des Reichsstiftes Essen. Dieser Fernbesitz war schwer zu verwalten und man kann verstehen, dass sich die Klöster davon trennten und ihre Sorge näheren Besitzungen zuwendeten.

Der edle Graf von Virneburg.
Über die frühe Geschichte sind wir nur spärlich informiert und die Urkunden müssten neu aufgearbeitet werden. Die Grafschaft entstand aus einem früheren Gerichtsbezirk im Tal der Nitz und war im Besitz der Pfalzgrafen. Sie belehnten damit die Grafen von Sayn, die sie an die Virneburger weiter vergaben, ein so genanntes Afterlehen. Die Virneburger waren aus ehemaligen Dienstleuten, den Ministerialen, in den Hochadel aufgestiegen und konnten die Sayner ausschalten. Die Grafschaft wird Allod (Eigenbesitz) der Virneburger unter der Oberhoheit der Pfalzgrafen, deren Schwerpunkt später in der Pfalz lag, später wird auch Kurtrier der Oberlehnsherr.
Die Grafen vergrößern ständig ihren Besitz, in dem sie Lehen annehmen. So wirkten sie als die Pellenzgrafen. Das Pellenzlehen umfasste die größten Teile der heutigen Pellenz und des Maifeldes.
In unserer Urkunde handelt es sich um Graf Herrmann III, der den Aufschwung Virneburgs einleitete. Seine Frau war die Lukardis von Nassau. Es gibt über ihn verschiedene Angaben. Er baute die Virneburg weiter aus und errichtete die zweite Burg der Virneburger, nämlich Monreal. Er nahm an einem Kreuzzug teil und soll später in das Kloster Himmerod eingetreten sein. So kam ihm der Verkauf der Güter in Baar, in unmittelbarer Nachbarschaft von Virneburg, sehr gelegen.

Die Güter in “Barre“.
Wir wissen nicht, um welche Güter es sich in Barre handelte. Möglicherweise war es der „Saalhof“ in Niederbaar, der sich dort befand, wo heute das Haus Müller, jetzt Eberhard im Oberdorf steht. „Saalhof“ bedeutet der Herrenhof, „Saalland“ war das Herrenland. Hier handelte es sich wohl um einen sehr alten Hof. Stuben besaß also die Grundherrschaft in der Baar und Grundherrschaft bedeutete Herrschaft über Land und Leute. Das Land wurde von Bauern bewirtschaftet, die dem Grundherrn zu verschiedenen Diensten verpflichtet waren. Dafür war der Grundherr zur Sorge und zum Schutz der Bauern verpflichtet.

Die weitere Geschichte von Baar.
Die Dörfer der Baar, bis etwa zum Jahre 1800 Bahr geschrieben, kamen nach dem Aussterben des alten Virneburger Grafengeschlechtes im Jahre 1545 zunächst an die Grafen von Manderscheid-Schleiden und etwa ab 1600 in den Besitz der Grafen von Löwenstein-Wertheim-Virneburg, wohnhaft in Wertheim am Main. Sie ließen die Grafschaft durch den Amtmann verwalten. Oberbaar und Niederbaar bildeten jeweils eine örtliche Gemeinde, eigentlich jeweils eine Dorfgemeinschaft. Man nannte die Dorfbewohner “Nachbarn“. An der Spitze stand der Dorfschulze, Heimbürge genannt. Vieles musste eine Dorfgemeinschaft unter sich regeln, wie die Bestellung des Dorfhirten, Unterhalt des Deckviehes, Verteilung von Brennholz, Bestellung des Flurschützen, Einteilung der Flur in Gewanne. Es gab keine Feldwege, so dass alle im gleichen Distrikt die gleiche Frucht anbauen mussten. Es gab noch viele andere gemeinsame Aufgaben. So hatte sich bis vor wenigen Jahren noch die Nachbarschaftshilfe erhalten, etwa bei Niederkunft einer Frau, im Sterbefall und dergleichen. Die Grafen hatten noch einige Höfe im Eigenbesitz, die sie aber verpachteten, die Bauern konnten aber auch Eigenland erwerben. Im „Baarer“ wurden bei den Ausgaben Oberbaar und Niederbaar die Höfe und der Landbesitz der Virneburger Grafen aufgezeichnet. Besonders im 18. Jahrhundert wurden viele Bewohner aus der Leibeigenschaft entlassen und die verhasste Fronarbeit durch Geldzahlung abgelöst.

Das Wappen der Gemeinde Baar im bunten Blumenarragement
Die Gemeinde Baar entsteht.
Durch den Frieden von Luneville im Jahre 1801 wird Frankreich auch völkerrechtlich die Rheingrenze zugesichert. Frankreich beseitigt mit einem Federstrich den bunten Flickenteppich der vielen großen, kleinen und kleinsten Herrschaften. Das linke Rheinufer wird nach französischem Vorbild in Departements (in etwa Regierungsbezirk) eingeteilt. Wir kommen zum Departement Rhein-Mosel mit dem Sitz in Koblenz und zum Arrondissement (in etwa Kreis) Bonn. Jede Gemeinde soll mindestens 5000 Einwohner umfassen, so entsteht die Mairie (Gemeinde als Verwaltungseinheit) Virneburg, die von Retterath bis Heckenbach im Kesselinger Tal reichte. Um die örtlichen Belange zu regeln, waren in der Mairie auch kleinere Einheiten, denn auch dörflich war vieles zu regeln, wie oben schon erwähnt. So entsteht die örtliche Gemeinde Baar mit den Dörfern Niederbaar und Oberbaar und den Weilern Wanderath, Freilingen, Büchel und Engeln. Sie ist eine der in unserer Gegend seltenen Mehrortgemeinden. Der Schwerpunkt der Gemeinde lag damals im Tal (Nieder- Mittel- und Oberbaar, während der Berg mit Wanderath, Freilingen, Engeln und Büchel erst in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen ist. Allerdings hatte Wanderath, ein winziger Ort, als Sitz der Pfarrkirche für die Gemeinde immer seine Bedeutung. Heute ist Wanderath der größte Ort der Gemeinde Baar. In der Geschichte verschieben sich stets die Gewichte.
Die Höfe der Grafen Wertheim-Virneburg wurden zu Gunsten der französischen Republik versteigert, das Land ging dann langsam in die Hand einheimischer Bauern über.

Die Gemeinde Baar in Preußen und Deutschland.
1815 kommen wir zu Preußen. Jetzt werden die Landkreise gebildet, wir gehören zum Kreise Adenau, einem kleinen und armen Eifelkreis. Dann gibt es die Bürgermeistereien, für uns ist das Bürgermeisteramt in Virneburg zuständig. Die Gemeinde Baar bleibt im alten Umfang bestehen, an der Spitze steht der Schöffe mit dem gewählten Gemeinderat.
In der letzten Zeit schuf man durch Gebietsreformen größere Einheiten, die Kreise und die Bürgermeistereien, jetzt Verbandsgemeinde genannt, werden größer, die örtlichen Gemeinden wie Baar sind in ihrem Umfang geblieben.

Das war der Weg von Barre vom Kloster Stuben über die Grafschaft Virneburg zu der jetzigen Gemeinde Baar.